29.6.–2.7.2005



Le Local
7154 St-Urbain
(Entre Mozart et Jean-Talon)
Montréal
Mit dank an Articule und Système Minuit du Quebec
(Produktion)

»atelier target: autonopop«, angewandte Kunstkritik Workshop
mit Michel Chevalier (Hamburg)

Beteiligt waren:
Michel Chevalier
Patrice Coulombe
Didier Delfolie-Noulin
Sandrine Denuelle
Aneesa Hashmi
Suzanne Joly
Eric Létourneau
Aude Moreau
Angeline Neuveu
Marie-Andrée Rho
César Saëz


Zusammenfassung:
Erklärtes Ziel dieser Workshops ist, jene von Klischees (und trendiger Sprache) aufgebauten Hindernisse zu überwinden, die beim Verständnis der Bedingungen, Ansätze und Motive von Kunstproduktion eine Rolle spielen.

Der viertägige Workshop fand in zwei off-Räumen statt: Articule und Le Local. Zur Vorbereitung des Workshops erkundete ich die "alternativen Kunst"-Szene in Montréal (unter Zuhilfenahme von z.B. der Zeitschrift Inter, dem Buch "L´art comme Alternative" von Guy Sioui Durand) und beschäftigte mich mit historisch-politischen Faktoren in Quebec (Anglo-Dominanz, die indépendiste Bewegung, die derzeitige neoliberale Regierung). Die meisten der 12 TeilnehmerInnen brachten Erfahrungen aus den Bereichen Kunst, Musik und/oder Politik mit.
Am ersten Tag fokussierten wir uns auf die „Relevanz“ von angewandter Kunstkritik. Ich präsentierte Ergebnisse meiner Forschungen zu kooptativen und kommerziellen Entwicklungen im Kunstfeld aus Deutschland und Frankreich über den Zeitraum von 1995 bis 2005. Themen wie Konsens, Austausch, Aneignung, Verständlichkeit, Underground/Mainstream, Zenrum/Peripherie diskutierten wir in Bezug auf die kanadische Kunstszene und –allgemeiner– im Hinblick auf die Rolle öffentlicher Kunstinstitutionen. Die Relevanz von Persönlichkeiten und Gruppen wie Raoul Vaneigem (Internationale Situationniste), die Rote Gruppe oder die Guerilla Art Action Group wurde erwogen.
Ursprünglich hatte ich geplant, an zwei der vier Tage Interventionen ins "Kunstfeld" zu unternehmen, aber die – anlässlich des kanadischen Nationalfeiertages am 1. Juli – geschlossenen Museen und Galerien machten das unmöglich. Ein andere Gelegenheit ergab sich: der 1. Juli ist in Kanada auch als "moving day" bekannt, da viele der üblicherweise auf ein Jahr befristeten Wohnungsmietverträge an diesem Tag enden. Der Feiertag ist deshalb „allgemeiner Umzugstag“: Mietlaster füllen die Straßen und hinterlassene alte Möbel und Sperrmüll stehen überall auf den Bürgersteigen. Auf Empfehlung einiger TeilnehmerInnen unternahmen wir "Derives", untersuchten dieses soziale Phänomen und machten Punkte ausfindig, an denen es sich mit unserer Kunstdiskussion überschnitt: Auswahl, Ausschluss, Markt, Geld, Mobiliät, Transfer.

Die Aktionen bezogen Passanten ebenso wie Sperrmüll und Dokumentation ein. Der Tag endete mit einer spontanen Intervention, bei der wir ein hinterlassenes Sofa auf der Mitte der Straße platzierten. Das zog junge türkische Passanten an. Einer von ihnen übernahm die Rolle des „Verkehrspolizisten“. Autos schlängelten sich vorbei. Später erschien die „richtige“ Polizei.
Am letzten Tag ging der Workshop dank gefälschter Freikarten, die einer der Teilnehmer gemacht hatte, in das Musée d´Art Contemporain. Wir unternahmen eine kritische, unautorisierte Führung in der Ausstellung mit dem beziehungsreichen Titel "L´envers des apparences“ ("Die Kehrseite der Erscheinungen").